Warum Wiederholungen nicht wie eine Prüfung wirken müssen
Wer eine Sprache lernt, hört früher oder später den Begriff Spaced Repetition. Die Idee dahinter ist einfach und gut belegt: Wir behalten Wissen besser, wenn wir es in wachsenden Abständen wieder aufgreifen, kurz bevor wir es sonst vergessen würden. Aus dieser guten Idee ist in vielen Apps aber etwas anderes geworden. Jede Wiederholung wird zu einer kleinen Prüfung, mit rotem Kreuz bei falschen Antworten, mit Punktestand und mit einer Erinnerung, die einem sagt, man habe heute noch nicht wiederholt.
Das ist schade, denn dabei geht der eigentliche Sinn verloren. Wiederholung sollte kein Test meiner Leistung sein, sondern ein Wiedersehen mit etwas, das mir schon einmal begegnet ist. Der Unterschied klingt klein, verändert aber, wie sich Lernen anfühlt und wie lange man dabeibleibt.
Zwei Dinge, die man leicht verwechselt
Spaced Repetition beantwortet eigentlich nur eine Frage: wann sollte ich einer Vokabel oder einer Struktur wieder begegnen, damit sie im Gedächtnis bleibt. Das ist eine Frage des Zeitpunkts. Ob dieses Wiedersehen dann als Prüfung gestaltet wird, mit richtig oder falsch, mit Zeitdruck, mit sichtbarer Fehlerquote, ist eine ganz andere Frage. Es ist die Frage der Gestaltung. Viele Apps behandeln beides, als wäre es dasselbe. Der Algorithmus, der den richtigen Zeitpunkt berechnet, wird direkt an eine Testabfrage gekoppelt, weil sich Testergebnisse leicht messen und in Streaks und Prozentzahlen verpacken lassen. Für die Lernenden bedeutet das: jedes Mal, wenn der Algorithmus sagt, jetzt wäre ein guter Moment, taucht stattdessen eine Prüfungssituation auf.
Der Preis des ständigen Prüfens
Wenn jede Wiederholung eine Prüfung ist, lernt man mit der Zeit etwas, das mit der Sprache selbst nichts zu tun hat: die Angst vor dem eigenen Fehler. Man kennt das Wort "cupboard" vielleicht ungefähr, ist sich aber nicht ganz sicher bei der Schreibweise, und schon fühlt sich der Moment falsch an, obwohl man inhaltlich längst versteht, was gemeint ist. Diese kleinen Momente summieren sich. Wer eine App öffnet und weiß, dass gleich wieder ein rotes Kreuz und ein sinkender Punktestand drohen, öffnet sie irgendwann seltener. Nicht, weil das Interesse an der Sprache nachlässt, sondern weil die App inzwischen mit einem unguten Gefühl verknüpft ist. Genau das ist paradox, denn Spaced Repetition sollte eigentlich das Gegenteil bewirken: mehr Ruhe beim Lernen, weil man weiß, dass man nichts auswendig büffeln muss, sondern dem Stoff einfach zur richtigen Zeit wieder begegnet.
Wie ein entspanntes Wiedersehen aussehen kann
Ein Wiedersehen mit bekanntem Stoff kann auch anders aussehen. Man sieht ein Wort in einem Satz, den man schon einmal gelesen hat, erkennt es wieder, vielleicht mit einem kurzen Zögern, vielleicht sofort, und das reicht schon als Signal für das eigene Gedächtnis. Es braucht keine binäre Bewertung. In echten Gesprächen, etwa beim Einchecken im Hotel, erinnert man sich an Wörter ja auch nicht auf Knopfdruck mit sofortigem Erfolg oder Misserfolg, sondern über Annäherung: erst kommt ein Gefühl von Vertrautheit, dann die genaue Bedeutung, irgendwann die freie Verwendung. Eine Lernumgebung, die diesen Prozess respektiert, fragt nicht "richtig oder falsch", sondern gibt Raum für "kenne ich schon gut" oder "das war noch wackelig". Das nimmt dem Wiederholen die Prüfungslogik, ohne den Lerneffekt zu verlieren, denn der Algorithmus im Hintergrund kann mit dieser feineren Rückmeldung sogar besser arbeiten als mit einem simplen Richtig-Falsch.
Wiederholung sollte kein Test meiner Leistung sein, sondern ein Wiedersehen mit etwas, das mir schon einmal begegnet ist.
Selbsteinschätzung statt Abfrage bei Norimo
Bei Norimo haben wir uns deshalb bewusst gegen die klassische Testabfrage bei Vokabeln entschieden. Statt einer Maschine, die richtig oder falsch stempelt, schätzt man selbst ein, wie sicher man sich bei einem Wort oder einem Satz fühlt. Diese Einschätzung bestimmt, wann einem der Stoff wieder begegnet, ganz im Sinn von Spaced Repetition, nur ohne die Prüfungsatmosphäre drumherum. Wer ehrlich zu sich sagt "das sitzt noch nicht richtig", bekommt es früher wieder vorgelegt. Wer merkt "das kenne ich längst", muss es nicht immer wieder in derselben Häufigkeit sehen, denn es geht nicht darum, möglichst viele Vokabeln zu sammeln, sondern die richtigen sicher zu beherrschen. So bleibt Wiederholen das, was es eigentlich sein sollte: ein ruhiges Wiedersehen mit dem, was man schon kann, nicht ein täglicher Test, der über Erfolg oder Misserfolg entscheidet.
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